Flughafenromantik

Flughafenromantik

Foto: www.uemis.org

Ich habe mich unerlaubt von der Herde entfernt und das bunte, hektische Treiben von außen betrachtet. Ich wollte wissen was den Flughafen zu so einem mystischen und romantisch verklärten Ort werden lässt. Zwischen Fast Lane Security Checks, Priority Check-Ins, Business First Class Countern, VIP Mietwagen hab´s vergessen irgendwas und jeder Menge anderer toller Einrichtungen, irrt die Herde umher und versucht so schnell wie möglich von A nach B zu kommen.

 

Während ich so am Rand saß, weil ich mir für meine eigene Reise etwas mehr Zeit genommen habe, dachte ich bei mir:

 

„Lustig, wie ihr einfach der Menge hinterher lauft und irgendwann verzweifelt auf die Anzeigetafel schaut, um festzustellen, dass es gar nicht euer Terminal ist“ Noch leicht amüsiert fällt mein Blick auf eine Familie mit zweifellos italienischen Wurzeln… Mama, Papa, Matteo, Lorenzo und Luca. Luca ist der kleinste… ungefähr 3 Jahre alt und mit einem kleinen Rollator unterwegs. Ich bin echt beeindruckt wie gut er mit seiner Gehhilfe zurecht kommt und wie sicher er sich bewegt. Nach 5 Minuten wusste ich auch warum. Mama Italia rennt die ganze Zeit von einem Sohn zum anderen. Matteo und Lorenzo haben sich aufgemacht den gesamten Wartebereich im Gate zu erkunden und Mama rennt ihren beiden Ältesten hinterher. Luca wiederrum rennt mit seinem Rollator der Mama hinterher. Papa Italia hat es sich gemütlich gemacht. Mir gefällt diese klassische Rollenverteilung. Italien hat wirklich Kultur.

 

Noch bevor das Boarding beginnt, stehen bereits die ersten hektischen Business-Menschen in einer Reihe. Gestern habe ich auch gelernt, dass die „Reihe“ bei Angehörigen vom Management –Board eine locker gestreute Gruppe ist, bei der jeder versucht durch geschickte Manöver als erster den Zutritt zum Flugzeug zu erlangen. Wahrscheinlich sagt das auch etwas über den Charakter aus. Aber darüber mache ich mir später Gedanken.

 

Im Flugzeug angekommen fiel mir noch auf, dass nicht nur die „Reihe“ im Business-Bereich anders definiert wird. Auch die Ansage „Wir bitten zuerst die Fluggäste mit Reservierungen in den Reihen 14-26 ihre Sitzplätze einzunehmen“ wird eher locker ausgelegt. Auf dem Weg zu meinem Platz 23 F waren die Reihen 1 – 14 schon gut gefüllt. Mit wem? Keine Ahnung, die sahen alle gleich aus.

 

Ich habe dann auch den kleinen Luca wieder getroffen. Neben mir, auf Platz 23 E. Mama Italia auf Platz 23 D, Matteo 22 D, Lorenzo 22 E und Papa Italia 22 C. Andere Seite vom Gang. Ich mag diese klassische Rollenverteilung.

 

Das letzte Mal habe ich von der Familie gehört, als ich den Flughafen in Richtung meines Mietwagens verließ. „Die Mutter von Matteo und Lorenzo soll sich bitte am Counter von Gate 218 melden.“ Ich mag diese klassische Rollenverteilung.

 

Ich frage mich, ob das alles außer mir überhaupt jemandem aufgefallen ist. Ich kann es mir kaum vorstellen, denn während ich die ganze Zeit schmunzelnd durch die Gegend gelaufen bin, habe ich nur ernste und hektische Gesichter an mir vorbei huschen sehen. Die meisten einfach der Menge hinterher. Auch im Süden von Deutschland ist es sehr modern der Herde zu folgen und sich erst später Zeit zu nehmen um mit einem Blick auf die Anzeigetafel festzustellen, dass man den ganzen Weg wieder zurück muss. Ich werde später ausrechnen, wie viel Zeit man beim „Hinterherlaufen“ verliert.

 

Den Tag über habe ich mich gestern dann tierisch darauf gefreut wieder früh am Flughafen zu sein, um meine Beobachtungen fortzusetzen. Am Anfang war ich noch ziemlich allein in meinem Gate. Ich mag es, mich an einen Ort zu gewöhnen, bevor er sich mit Leben füllt. Einige Gesichter habe ich auch wieder erkannt. Oder doch nicht? Ich frage mich, wie es sich anfühlt, den ganzen Tag diesen hektischen und getriebenen Gesichtsausdruck zu haben? Ich traue mich aber nicht zu fragen. Irgendeine Stimme sagt mir, dass es falsch verstanden wird. Mir fiel auch auf, dass die Theorie stimmt, dass es in einer Zebraherde unmöglich ist ein Tier vom anderen zu unterscheiden. Besonders, wenn sie in der Gruppe stehen.

 

Während sich die meisten morgens an ihren Coffee-To-Go Bechern festklammern und wie hypnotisiert auf den Deckel starren, passiert das ganze abends mit den Smartphones. Nächstes Mal probiere ich das auch. Vielleicht komme ich dabei in so eine Art Trance-Zustand.

 

Und es passieren so viele interessante Dinge. Die Absperrung zur Herrentoilette mit dem Hinweis „Wegen Reinigung gesperrt“ wurde von einem Reisenden mutwillig durchbrochen, worauf hin er von einer wild mit den Armen rudernden Putzfrau wieder aus dem Klo geschmissen wurde.

 

Zeitungen, die locker einen Kubikmeter ausmachen wurden aus dem Zeitungsständer entsorgt, um Platz für den nächsten Tag zu schaffen. Und das nur an meinem Gate. Aber das ordnet mal selbst für euch ein.

 

Dieses Mal wurden alle Senatoren, die Mitarbeiter von irgendeiner Firma und Familien mit Kindern zuerst aufgerufen. Kaum vorstellbar, dass es so viele Senatoren oder Mitarbeiter der gleichen Firma gibt die den gleichen Flug nehmen, sich vorher aber nicht miteinander unterhalten. Naja, vielleicht doch… zumindest saßen die ganzen „Senatoren“ und „Mitarbeiter irgendeiner Firma“ schon im Flieger, als ich meinen Platz 23 F aufsuchte. Dieses Mal war der Platz neben mir frei. Schade, ich mochte diese klassische Rollenverteilung.

 

Die Romantik habe ich jedenfalls vermisst. Menschen mit strahlenden Gesichtern, die sich auf ihre Reise freuen. Die schon den Weg zum Ziel als etwas besonderes Wahrnehmen. Die genau so wie ich durch die Gänge laufen um die Atmosphäre am Flughafen zu spüren. Gefunden habe ich gestresste und gequälte Gesichter, gesenkte Köpfe, Menschen die von Coffee-To-Go Bechern und Smartphones in Trance versetzt werden.

 

Selbst an den Laufbändern der Kofferausgabe war es hektisch. Menschen die braungebrannt aus dem Urlaub kommen, warten ungeduldig auf ihre Koffer. Schnappen sie und rennen los. Willkommen zu Hause, Willkommen zurück in der Herde.

 

Autor: Michael Schütze © (Datum der Erstveröffentlichung 3. Juli 2013)

 

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