Die drei Siebe des Sokrates

Die drei Siebe des Sokrates

Foto: www.plattgaarn.de/

Einst wandelte Sokrates durch die Straßen von Athen.

 

Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“

 

„Warte einmal“, unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“

 

„Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht.

 

„Lass es uns ausprobieren“, schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“

 

„Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“

 

„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“

 

Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“

 

„Hm“, sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“

 

„Nein, nicht wirklich notwendig“, antwortete der Mann.

 

„Nun“, sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr, nicht gut und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste dich und mich nicht damit!“

 

Die Moral dieser Kurzgeschichte ist sehr offensichtlich. Gerade in unserer digitalen Zeit, in der du die Informationen schon im Internet findest bevor ein Ereignis überhaupt eingetreten ist, sollten wir uns alle einen Moment Zeit nehmen und das was uns erzählt wird durch die drei Siebe sieben.

 

Viel zu selten denken wir darüber nach was wir mit dem was wir vom Hörensagen her kennen und verbreiten vielleicht anrichten. Selbst ich kann mich davon leider nicht immer ganz ausnehmen, aber je mehr ich übe, desto besser gelingt es mir zu sieben.

 

Ich bin sogar schon oft auf die betreffende Person zugegegangen und habe gefragt, ob das was ich gehört habe stimmt. Eine Erfahrung die erst sehr ungewohnt ist. Aber es lohnt sich – du wirst merken, dass es ein tolles Gefühl ist die Beteiligten der Story nach ihrer Wahrheit zu fragen und dann sogar die Hintergründe erzählt zu bekommen.

 

Die Geschichte der drei Siebe des Sokrates findet ihr im Internet in vielen Varianten, jedoch immer mit der gleichen Aussage. Mich hat interessiert, ob ich im Internet eine Quelle finde in der noch mehr zu dieser kurzen Erzählung zu finden ist. Meine Recherche hat mich soweit gebracht, dass ihr den Text in der Einleitung der „Apologie des Sokrates“ finden könnt. Sie ist ein Werk des antiken Philosophen Platon. Es handelt sich um eine literarische Gestaltung der Verteidigungsrede (Apologie), die Platons Lehrer Sokrates vor dem athenischen Volksgericht hielt, als er im Jahr 399 v. Chr. wegen Gottlosigkeit und Verführung der Jugend angeklagt war.

 

Eine Variation der Geschichte in englischer Sprache findest du auch in dem Buch „The Child´s Friend Vol. III“ von William Lister aus dem Jahr 1867. Es handelt sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten für Kinder. Hier der Link zu dem Buch und der Textpassage bei Google.

 

Autor: Michael Schütze © (Datum der Erstveröffentlichung 16. Dezember 2013)

 

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